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Drenthe · Räubersage

Die Glocke, die für die Räuber läutete

Ellert und Brammert haben eine Glocke für ihre Opfer. Marieke hat lange genug zugehört.

Zwei große Räuber lauschen einer kleinen Glocke auf der Heide; Marieke schaut aus der Türöffnung zu
Die Räuber hatten überall Drähte gespannt. Marieke wusste genau, wo.

Brammert wischte sein Messer am Tischtuch ab und schimpfte Marieke aus, weil das Tischtuch schmutzig war.

„Ein Haushalt muss ordentlich sein“, sagte er.

Hinter ihm lag ein Berg gestohlener Schuhe. Ein Bein eines kaputten Stuhls ragte heraus. In der Ecke wuchs etwas auf einem Stück Käse, das inzwischen wahrscheinlich allein essen konnte.

Sein Vater Ellert nickte. Ordnung war wichtig. Deshalb hingen ihre Knüppel fein säuberlich neben der Tür.

Die beiden Räuber hausten in einer Höhle auf der Drenther Heide. Riesen seien sie, hieß es, mit Fäusten, für die ein gewöhnlicher Handschuh höchstens als Fingerhut hätte dienen können. Wer ihnen begegnete, trug besser nichts bei sich. Und selbst dann nahmen sie einem den Mantel ab, weil man ihre Zeit verschwendet hatte.

Sie hatten dünne Drähte über das Feld gespannt. Die liefen alle bei einer Glocke in der Höhle zusammen. Sobald ein Reisender gegen einen Draht lief, klingelte die Glocke, und die Räuber gingen ihm entgegen.

„Ein gutes Geschäft läuft von allein“, sagte Ellert gern.

Irgendjemand musste allerdings putzen, waschen, kochen und die gestohlenen Sachen sortieren. Dafür hatten sie Marieke mitgenommen. Gegen ihren Willen, versteht sich. Niemand wäre freiwillig in dieser Höhle arbeiten gegangen, nicht einmal, wenn es Lohn gegeben hätte.

Marieke hatte versucht zu fliehen. Beim ersten Mal war sie über einen Draht gestolpert. Beim zweiten Mal hatte Brammert sie am Rand der Heide eingeholt. Er hatte sie zurückgetragen wie ein Bündel Wäsche.

Danach sah sie genauer hin. Sie merkte sich, welche Drähte zu welchen Pfaden führten. Welcher Räuber zuerst aufstand. Wohin das Licht fiel, wenn die Tür aufging. Alles, was sie sah, bewahrte sie. Es war das Einzige, was sie besitzen konnte, ohne dass es ihr weggenommen wurde.


Eines Morgens befahl Brammert, sie solle ihm den Bart scheren.

„Du ziepst“, sagte er, noch bevor sie ihn berührt hatte.

Sein Bart war voller Knoten. Eine Fliege war darin verschwunden und nicht wieder herausgekommen. Marieke stellte das Wasser bereit.

Da klingelte die Glocke.

Ellert sprang auf. „Der gehört mir.“

„Das hast du beim letzten auch gesagt.“

„Der letzte hatte kein Geld.“

„Dann war er bestimmt meiner.“

Ellert stürmte hinaus. Brammert sank zurück und legte den Kopf in Mariekes Schoß. Die Tür blieb einen Spalt offen. Draußen zitterten die Grashalme im Wind.

Marieke wartete.

„Nicht so trödeln“, murmelte der Riese.

Seine Augen fielen zu. Er hatte keinen Augenblick daran gedacht, dass jemand, den er gefangen hielt, vielleicht weg wollte.

Marieke sah zur offenen Tür. Dann zum Rasiermesser. Einen dritten Versuch würde es nicht geben.

Sie tötete ihren Wächter.

Sie legte es hin.

Und rannte.

Der erste Draht lag direkt vor der Tür. Sie stieg darüber. Der zweite hing an einem Grasbüschel; den hatte sie hundertmal gesehen, wenn sie hinaus durfte, um Wasser zu holen. Sie ging in die Hocke, kroch darunter hindurch und rannte weiter.

Hinter ihr blieb es still.

Sie hatte sich so oft vorgestellt, wie es sein würde, frei über die Heide zu gehen, dass es seltsam war, wie wenig das hier nach Freiheit aussah. Der Atem schnitt ihr in die Kehle. Ein Zweig verhakte sich in ihrem Rock. Sie riss den Stoff los und ließ das zerrissene Stück hängen.

Dann hörte sie das Gebrüll.

Ellert war zu Hause.


Hinter ihr begann der Boden zu dröhnen. Sie musste vier Schritte machen, wo er einen machte. Ihr Elternhaus lag am Rand des Feldes. Sie sah das Dach. Sie sah die Tür. Es war, als würde jemand das Haus immer wieder ein Stück weiter wegschieben.

„Zurück!“, brüllte Ellert.

Mehr fiel ihm nicht ein. Als wäre sie versehentlich in die falsche Richtung gelaufen.

Marieke sah sich nicht um. Sie hatte sein Gesicht lange genug gesehen.

Am letzten Graben sackte ihr Fuß ein. Sie fiel auf ein Knie, zog sich am Gras hoch und rannte weiter. Der Räuber kam näher. Sein Atem klang wie ein Blasebalg mit einem Loch darin.

Sie erreichte die Tür und packte die Klinke.

Die Tür klemmte.

Das hatte sie früher auch immer getan. Ihr Vater wollte sie reparieren. Morgen. Wenn Zeit war.

Marieke stemmte die Schulter gegen das Holz und drückte mit allem, was noch in ihr steckte.

Die Tür gab nach.

Sie fiel hinein. Hinter ihr schlug Ellerts Axt ins Holz, so heftig, dass Staub von den Balken rieselte. Marieke rollte zur Seite und bekam den Riegel zu.

Marieke schiebt drinnen den Riegel zu; eine Axtspitze ragt durch die Holztür
Morgen war kein guter Tag mehr, um die Tür zu reparieren.

Draußen wurde gebrüllt, getreten und geschlagen. Dann ertönte ein dumpfer Schlag, der anders klang als die anderen.

Danach nichts mehr.

Die Verfolgung war Ellert zu viel geworden. Der Räuber, der das ganze Feld in seiner Gewalt gehabt hatte, lag vor einer Tür, durch die er nicht mehr hindurchkam.

Marieke blieb an der Wand sitzen, bis ihr Atem wieder ihr selbst gehörte.

Ihr Vater kam herbei. Er sah auf die Axt, auf das beschädigte Holz und auf seine Tochter.

„Diese Tür“, begann er.

„Heute“, sagte Marieke.

Jahrelang hatte man ihr Befehle erteilt. Es gefiel ihr ausgezeichnet, selbst einmal einen zu geben.

Herkunft · Frei nacherzählt

Nach der Fassung von Ellert und Brammert in der Volksverhalenbank (niederländische Volkserzählungsdatenbank), Datensatz RKOMADRENT0004. In dieser Variante ist Ellert der Vater und Brammert der Sohn. Dies ist die grimmigste Geschichte der Reihe.

Die Geschichte von Ellert und Brammert

Dialoge und komische Szenen sind neu geschrieben. KI-Illustrationen bebildern die Erzählung.

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