Ein Wort zu viel
Bei Echt in Limburg im Südosten der Niederlande erzählte man von einer kopflosen Frau, die bei der Ruine Het Sleutje umherging. In Kriegszeiten hatten Einwohner sie getötet, ohne dass sie vor ihrem Tod die kirchliche Absolution erhalten hatte. Ihr Geist hatte den Menschen von Echt Rache geschworen.

Drikus lag dort und schlief.
Es war früher Frühling. Vielleicht hatte ihm das Bier in Susteren geschmeckt. Jedenfalls störte ihn die Kälte kaum, als die Sonne verschwand. Selbst die drei Eicheln, die ihm auf die Nase fielen, weckten ihn kaum. Einen Augenblick fragte er sich, was Eicheln im Frühling zu suchen hatten. Dann schnarchte er weiter.
Mittwoch und Freitag waren die gefährlichsten Tage, der Frau zu begegnen. Zum Glück war es ein anderer Tag.
Um Mitternacht wachte Drikus von der Hitze auf.
Eine blaue Flamme brannte. Ein Kessel ratterte durch die Luft und schwebte über dem Feuer. Es begann zu blubbern. Dann begann es zu stinken.
Drikus nieste.
Über ihm rumpelte etwas. Eine glühende Kutsche fuhr durch die Luft, gezogen von zwei schwarzen Böcken mit Fledermausflügeln. Drikus kroch hinter einen Busch.
Die Frau stieg aus, ging zum Kessel und hob den Deckel. Dann wandte sie sich direkt seiner Deckung zu.
Sie warf ihren weißen Umhang ab.
Dort, wo ihr Kopf hätte sein müssen, endete ihr Hals. Den Kopf hielt sie in der rechten Hand. Blut tropfte hinab und schien anschließend an ihrem Körper wieder hinaufzukriechen. Es hörte nicht auf.
Drikus sah lieber zum Kessel.
Das war ein Fehler.
„Köpfe“, sagte sie. „Aus Echt.“
Seine Beine zitterten. Sie befahl ihm zuzuhören und erzählte von drei Truhen voller Gold und Schmuck, die sie vor ihrem Tod vergraben hatte.
Sie gab ihm einen Birkenzweig, mit dem er die Stelle markieren sollte. Am Dienstag sollte er mit einem Helfer und neuen Schaufeln zurückkommen. Sie mussten sieben Fuß tief graben, ungefähr zwei Meter.
Und schweigen.
Eine Truhe war für die Armen, eine für die Kirche. Die dritte durften die Ausgräber behalten.
Solange der Schatz unter der Erde lag, konnte sie nicht aufhören umherzugehen.

Dann verschwand sie.
Drikus steckte den Zweig in den Boden und rannte nach Echt. Einen Helfer zu finden war nicht schwer. Hannes, der Bruder seiner Frau, schien geeignet.
„Du darfst kein Wort sagen.“
„Natürlich nicht.“
Das Warten auf Dienstag dauerte eine Ewigkeit. Drikus wusste nun, wo er reich werden konnte, musste aber weiter arm herumlaufen. Jede Stunde tat so, als wäre keine Eile geboten.
Als der Tag endlich kam, machten sie sich mit neuen Schaufeln auf den Weg. Ihre Lippen waren schon fest geschlossen. Ein wenig Übung konnte nicht schaden.
Sie fanden den Zweig. Drikus zog ihn aus der Erde und begann zu graben.
Erde beiseite. Tiefer. Noch tiefer.
Sieben Fuß, hatte sie gesagt. Er zählte im Kopf. Hannes grub neben ihm. Sie schwiegen ausgezeichnet. Keiner von beiden hatte je ein so gewinnbringendes Schweigen erlebt.
Eine Schaufel stieß auf Holz.
Hannes sprang auf.
„Drikus! Da ist der Schatz!“
Unter ihren Füßen klirrte Geld.
Das Geräusch sank hinab. Tiefer, weiter weg, immer leiser, bis nichts mehr zu hören war.
Sie hatten die Truhe bereits berührt. Nun war der Schatz so tief versunken, dass sie ihn niemals ausgraben konnten.
Die Frau ging weiter bei Echt um.
Hannes hatte nichts mehr zu sagen.