HOLLANDMagazine
Deutsch

Der Pfarrer, der die Zukunft verlegen wollte

In Pietersbierum, einem Dorf bei Harlingen in Friesland im Norden der Niederlande, erzählte man von einer Frau, die ihre eigene Beerdigung gesehen hatte, bevor sie starb. Eine solche Vorahnung nannte man voorloop. Ihr Mann war Pfarrer und wollte davon nichts wissen.

Der Pfarrer, der die Zukunft verlegen wollte — farbige Illustration
Der Pfarrer, der die Zukunft verlegen wollte — farbige Illustration Illustration: Holland Magazine · Bildnachweise

Seine Frau war krank. Sie konnte nicht schlafen und drehte sich immer wieder um, auf der Suche nach einer Lage, in der ihr Körper sie einen Augenblick in Ruhe ließ.

Da stand plötzlich ein Sarg im Zimmer.

Sie stieg aus dem Bett und blickte hinein.

Sie selbst lag darin.

Sie weckte ihren Mann. Er richtete sich auf und starrte in die Dunkelheit.

„Wo?“

„Hier. Mitten im Zimmer.“

Er sah nichts. Für ihn war damit geklärt, was es zu sehen gab.

„Schlaf weiter. Du bildest dir alles Mögliche ein.“

Sie ging zurück ins Bett, hielt den Blick aber auf den Sarg gerichtet. Wenig später erschien ein Mann in einer roten Jacke. Er ging zum Kaminsims, nahm ein paar Schrauben und schraubte den Deckel zu. Jemand breitete ein weißes Tuch über dem Sarg aus. Die Träger brachten ihn fort.

Dann war das Zimmer wieder ein gewöhnliches Zimmer. Ihr Mann schlief. Sie wartete auf das Tageslicht.

Am nächsten Morgen erzählte sie ihm alles.

„Hier läuft doch kein Mann in so einem roten Ding herum“, sagte der Pfarrer. „Dann kann er auch keinen Sarg schließen.“

Einige Zeit später bekam seine Frau einen Sohn. Das Kind wurde in einem roten Taufkleid zur Taufe getragen. Nach dem Essen hatte der Pfarrer einen Scherz parat.

„Da hast du deinen Mann in Rot. Das muss er gewesen sein!“

Seine Frau sah ihn an und schwieg. Er hielt ihr Schweigen für Zustimmung.

Dann zog ein neuer Tischler ins Dorf.

Er trug eine rote Jacke. In seiner Werkstatt. Auf der Straße. Wann immer man ihn sah, hatte er dasselbe Rot an.

Die Frau begegnete ihm und hielt sich eine Hand vor die Augen.

Der Pfarrer, der die Zukunft verlegen wollte — Skizze
Der Pfarrer, der die Zukunft verlegen wollte — Skizze Illustration: Holland Magazine · Bildnachweise

„Dieser Mann“, sagte sie.

Danach sprach sie nicht mehr davon.

Ein Jahr später starb sie.

Der Pfarrer glaubte noch immer nicht an die Vision, wollte aber vorsichtshalber dafür sorgen, dass alles anders ablief.

„Der Sarg kommt in das andere Zimmer.“

Zwei Träger hoben ihn an. Im Flur mussten sie wenden. Das Holz schrammte an der Wand entlang. Sie versuchten es erneut, bekamen den Sarg aber nicht um die Ecke. Sie trugen ihn zurück und stellten ihn wieder mitten ins Zimmer.

Der Pfarrer sah zum Kaminsims.

„Die Schrauben müssen weg. Legt sie auf die Fensterbank.“

Die Schrauben wurden verlegt.

Der Tischler kam herein, ganz in Rot. Er ging zum Kaminsims. Ein paar Schrauben hatte man übersehen. Er hob sie auf und schloss den Sarg.

Der Pfarrer sah zu.

Eine Sache blieb noch.

„Kein weißes Tuch“, sagte er. „Es darf nichts Weißes darübergelegt werden.“

Alle hatten es gehört. Niemand würde ein weißes Tuch auflegen. Die Träger machten sich bereit.

Kurz vor dem Aufbruch kam noch eine Frau herein. Sie sah auf den kahlen Deckel und fand, man könne die Frau des Pfarrers so nicht hinaustragen.

Sie holte ihr weißes Taschentuch hervor und breitete es über dem Sarg aus.

Diesmal schwieg auch der Pfarrer.

Rubriken

StartseiteStadt & RegionNaturKulturerbeRezepteAlle Geschichten